Der Tod des Top-Terroristen bringt viele Menschen zum Jubeln, doch ad hoc heben Moral-Institutionen den warnenden Finger und während sich die Kanzlerin über den Tod bin Ladens „freut“ und immer mehr Details über die Aktion der Navy Seals bekannt werden, springen (Un)Beteiligte von einem Dilemma ins andere.
Bedenken wir kurz den Hintergrund: die US-Regierung baute bin Laden auf, damals als anti-kommunistische Bastion gegen die UdSSR, als Guerilla-Armee in Afghanistan. Dass man aus dem Wahnwitz um den Schah von Persien nichts gelernt hatte, wird gern vergessen, auch z.B. dass die SPD-Politikerin Hertha Däubler-Gmelin einst ihren Hut nehmen musste, weil sie etwas sagte, was in Politologenkreisen niemanden mehr hinter dem Ofen hervorholt: seit Beginn des 20. Jahrhunderts machen die USA Politik mit und durch die Außenpolitik und dies in einem Maße, welches kaum eine andere Nation sich wagt; mit der Außenpolitik wird von der Innenpolitik abgelenkt, statt Infrastrukturmaßnahmen gibt es Kriege – das macht Hitler in seinem 3. Reich wie auch und vor allem G.W. Bush. Es hat nichts mit political correctness zu tun, sondern mit der Politologie, speziell dem Sektor der internationalen Beziehungen. Dass die USA ganz spezielle Beziehungen haben, wurde durch die Arbeit der CIA in Laos und Nicaragua schon prächtig aufgezeigt, was der Regierung der freien Welt nicht passt, wird „geändert“. „9/11“ ist der Fall aller Fälle im 3. Jahrtausend, es war die Einladung schlechthin für eine Wirtschaftsmacht, die langsam untergeht, allein die Rüstungsindustrie boomt – was kam, musste so kommen.
Als der Tod bin Ladens verkündet wurde, gab es spontane Jubelfeiern auf den Straßen in den USA: Rache, Sühne und Genugtuung überlagerten mal wieden den Verstand, denn keines der Opfer von 9/11 wird dadurch wieder lebendig.
Als auf der Pressekonferenz des Außenministeriums bekannt gegeben wurde, dass bin Laden unbewaffnet gewesen sei, als er erschossen wurde, hielt sich Außenministerin Hillary Clinton die Hände vor Gesicht, entsetzte Augen waren dennoch zu sehen. Dass der „Zugriff“ in Pakistan erfolgte, wurde gar nicht erst besonders beachtet – was US-Soldaten dort zu suchen haben, wurde nicht geklärt, die Antwort hierauf (im Wortsinne) lautet natürlich „bin Laden – what else?“ Die US-Regierung lässt in einem Atommachtsgebiet operieren – das ist neu! Die Statements der Pakistani sind bis dato (!) noch sehr zurückhaltend, es erinnert ein wenig an die Spiegel-Affäre, als unter Mithilfe der Franco-Dikatur in Spanien der leitende Redakteur des Artikels (Conrad Ahlers) von einem deutschen (!) Oberst gefasst wurde.
Seit 2009 beschäftigt sich die CIA mit der Villa, in welcher bin Laden erschossen wurde, diese liegt kaum zwei Kilometer von einer pakistanischen Armeestation entfernt – der Millionärssohn wollte scheinbar nicht in eine Höhle, das überließ er Ungläubigen wie Saddam Hussein, bin Laden wollte bequem leben, das war er ja gewohnt, allein es half jedoch nicht: genau wie bei Saddam kam es nicht zu einer Gerichtsverhandlung in Den Haag, ja noch nicht mal zu einer Gerichtsfarc, es wurde stattdessen ganz kurzer Prozess gemacht. Warum bin Laden nicht entmystifizieren, ihn im Gerichtssaal vorführen, als ganz normalen (wahnsinnigen!) Menschen darstellen und dann zivilisiert verurteilen? Warum ihn ad hoc zum Märtyrer machen? Was hat die US-Regierung zu verbergen? Stattdessen wurde es ein ganz simpler Mord verübt, aus niederen Beweggründen: aus Rache. Im Gegensatz zum Irak hat die USA keine Herrschaft über die pakistanische Gerichtsbarkeit, der Internationale Gerichtshof wird von den USA nicht akzeptiert – traurig, aber logisch, dass es so kam wie es kam.
Darf man sich über den Tod eines Menschen freuen? Christliche Gedankenabsonderer üben Kritik an den Freuden-Reaktionen, okkupieren mal wieder für sich, die Moralinstitution schlechthin zu sein, man dürfe sich nicht freuen – wieso? Wenn am 8. Mai 1945 die Deutschen auf der Straße getanzt hätten (was vereinzelt vorkam, so noch Kraft vorhanden war), wären dann die Kardinäle und Bischhöfe auch pochend auf das „unteilbare Lebensrecht“ (Martin Lohmann, Sprecher des Arbeitskreises Engagierter Katholiken in der CDU) mit erhobenem Zeigefinger („nie Grund zur Freude“) in die Medienwelt gesprungen? Wenn Siegfried Kauder (Vorsitzender des Rechtsausschusses im Bundestag) von „mittelalterlich“ spricht, hat er recht – und was war im Mittelalter populär? Die Kreuzzüge, die Inquisition – samt Feierlichkeiten mannigfaltiger Art. Die christliche Geschichte zu verdecken, v.a. auch die Tatsache, dass es lange vor der Erfindung von Gott, Bibel und Monotheismus schon das gleiche Verhalten gab?
Die Angst vor Racheaktionen der Islamisten ist groß, Hydra hier, Terrorzellen da, Wahlkampf in den USA und das am Ende des Jahres auslaufende Anti-Terror-Gesetz – Dilemmamarathon in Perfektion! Es alter Mann, ein weiser, schrieb einst: „Ist der Karren erst im Dreckt, bekommt man ihn nicht heraus, ohne sich dabei schmutzig zu machen.“ Heute könnte man, HighTech sei Dank, aus der Ferne den Karren ziehen, dazu bedarf es aber der Intelligenz und dem Willen, die alten Denk- und Handlungsmuster abzulegen, in der mittelalterlichen Rachewelt von heute, in welcher wirtschaftliche und politische Interdepenzen omnipräsent sind, ist dies aber nicht möglich.